Heidi Weber – Protagonistin und alleinerziehende Mutter

Meine Mutter, Heidi, war eine der ersten emanzipierten Frauen der Schweiz.


Bernard Weber auf dem Fiat Topolino, den seine
Mutter für ein L–C Gemälde später eintauschte.


Heidi Weber mit Sohn Bernard. An der Wand
das allererste Gemälde von Le Corbusier.


Zeichnung von Le Corbusier für Bernard, mit der
Widmung: "Hallo Heidi Weber Sohn, alles Gute von Corbu, Mai '59."


Bernard Weber, Direktor der Heidi Weber
Foundation, vor dem einzigen L–C Gesamtkunstwerk auf der Welt.


In einem Land, das erst im Jahr 1971 den Frauen ihre vollen Bürgerrechte gewährte! Bis dahin hatte sie bereits die meisten ihrer großen Leistungen vollendet.

Ihre Zusammenarbeit mit Le Corbusier


Um die Zusammenarbeit meiner Mutter Heidi Weber mit Le Corbusier zu beschreiben, möchte ich mich einer Metapher bedienen: Eine große Hängebrücke mit zwei Tragpfeilern und Hunderten von Stahlkabeln, welche die eigentliche Brücke von einem Ufer zum andern in die Höhe halten. Der eine Pfeiler ist Le Corbusier, der andere Heidi Weber. Die Vielzahl von Stahlseilen stellen die Verstrickungen ihrer Gedanken dar. Sie schafften eine Brücke, nämlich die, ihre Gedanken Realität werden zu lassen, den genialen Geist Le Corbusieres umzusetzen und den Menschen zugänglich zu machen. So wurde meine Mutter zu einer Vermittlerin dieses Geistes von Le Corbusier nicht nur mit Worten, sondern mit Taten, welche in der Realisierung seines letzten Projektes kulminierten, im „Maison d'Homme“ (Haus des Menschen), so wie es Le Corbusier zusammenfassend als Projekt nannte und das heute zurecht Heidi Weber Haus genannt wird.

Sie hat sämtliche ihrer erarbeiteten und privaten Ressourcen für dieses letzte Bauwerk von Le Corbusier eingesetzt. Bis heute ist dieses Museum wahrscheinlich das einzige auf der Welt existierende wirkliche Gesamtkunstwerk: Architektur, sämtliche Möbel und das Beleuchtungsdesign, Skulpturen, Ölbilder, Zeichnungen, Grafiken und alle Bücher in der Bibliothek stammen von ein und demselben Schöpfer.

Eines darf ich aus ihrer Intimität verraten: Ich bin nicht der leibliche Sohn von Le Corbusier (dafür aber hoffentlich ein geistiger). Meine Mutter hätte allen Grundgehabt, stolz darauf zu sein, mir das zu sagen. Damit muss ich leider die gelegentlichen Fantasien und unwahren Nachreden, der Erfolg meiner Mutter wäre darauf zurückzuführen, dass sie die Geliebte von Le Corbusier gewesen sei, enttäuschen.

Meine Mutter hat mir allerdings Le Corbusier auch nie als Übermenschen präsentiert, sondern als einen bescheidenen, vielseitigen und harten Arbeiter, der an der Umsetzung seiner Gedanken mit einer derartigen Ausdauer und Beharrlichkeit arbeitete, wie wahrscheinlich kaum ein Mensch je zuvor. Sie war ihm bei der Umsetzung in den letzten 7 Jahren seines Lebens behilflich und verstand es im weiteren Sinne nicht nur ihre persönliche Begeisterung zu seiner abstrakten Kunst anderen Menschen zu vermitteln, sondern war auch eine unermüdliche Partnerin in der physischen Umsetzung seiner Gedanken. Erstes Beispiel in einer Reihe vieler Projekte: Die Produktion seiner Möbel oder Sitzmaschinen „maschine pour s‘assoire“, wie er sie nannte. Ein Gedankengut, das in den 20er Jahren aus dem Leichtbau für Flugzeuge und Rennautos entstand (Rohrgitterrahmen, die Le Corbusiers Freund, Automobil- und Flugzeugbauer Gabriel Voisin entwickelte). Diese Prototypen hatte sie 1958 adaptiert und massenproduktionsreif gemacht und erst nach eigener Produktion ab 1965 die Firma Cassina mit weltweiten Rechten lizenziert, so dass die Ausstellungsexemplare aus der Weltausstellung 1928 in Paris uns nicht nur aus der Vergangenheit als Museumsrelikte erhalten blieben, sondern wir sie heute noch erwerben und nutzen können.

Angefangen in ihrer eigenen Galerie für Innenarchitektur, dann mit ihrem Kunstverlag für das Grafische Werk von Le Corbusier und mit Hunderten von Ausstellungen in der ganzen Welt, vermittelt sie sein malerisches Schaffen. Im eigenen Heidi Weber Haus – Centre Le Corbusier – gestaltete sie in den späten 60er und frühen 70er Jahren prägnante und progressive Ausstellungen mit seinen Gedanken zum sozialen Städtebau, ganz im Sinne des „Modulor“, dem menschlichen Maß mit Proportionen zur unmittelbaren Umwelt oder auf den Punkt gebracht: Le Corbusier Humanismus.

Bei alledem hatte sie ihre Rolle als Mutter mir gegenüber, dem einzigen Sohn, nie vernachlässigt. Alleinerziehende Mutter?... war nie ein Thema für sie und das in einer Zeit, in der die Frauen in der Schweiz noch nicht einmal Zivilrechte genossen. Sie ging sogar soweit, dass sie – obwohl sie mit dem Bau des Museums im Zahlungsverzug war – für mich immer noch die beste Schule bezahlte. Auch dies hätte sie nie in Frage gestellt.

Le Corbusiers Aufmerksamkeit mir als Kind gegenüber ging so weit, dass er, wenn er beispielsweise wusste, dass ich beim geschäftlichen Mittagessen mit meiner Mutter dabei sein und mich natürlich langweilen würde, vorzeitig auf dem weißen Tischpapier (wie das Gedeck früher in Frankreich war) mit Zeichnungen begann, sich bei unserer Ankunft dann umsetzte, so dass ich mich damit beschäftigen konnte, die Zeichnungen zu kolorieren und fertig zu stellen.

Was mich damals als Kind auch begeisterte, mich mächtig stolz machte und mir bis heute gut in Erinnerung bleibt, ist der Stil und die Eleganz, welche meine Mutter und Le Corbusier kennzeichneten. Er mit dem „Papillon“ (der Fliege), seiner markanten Brille und immer perfekt gekleidet. Sie stets sehr elegant, dezent und ohne Schmuck, aber mit schickem Fiat oder Alfa Romeo (was mir natürlich ganz besonders gefiel).

Ihr Leben – und damit seit meiner Kindheit auch mein eigenes – ist geprägt vom einem immensen Reichtum im Sinne des Symbols, welches Le Corbusier für den Frieden geschaffen hat: Die offene Hand. Sie ist offen, um zu nehmen und offen um zu geben, damit sich jeder nehmen kann, was für ihn Bedeutung hat und Sinn ergibt.

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